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Keine Orgel kann ihn stoppen
Sagenhaft: Matthias Eisenberg rettet Eröffnung der Stollberger Meisterkonzerte
 

von CRISTINA ZEHRFELD

IMG_0442_2Das Eröffnungskonzert der Meisterkonzerte war ein Auftakt nach Maß. Mit Professor Matthias Eisenberg (Schneeberg) saß eine Koryphäe der Orgelkunst am Spieltisch. Mit rund 200 Besuchern war die Aula so proppenvoll, dass sich die letzten Gäste mit den Plätzen auf der Empore begnügen mussten. Das Programm bot Perlen der Romantik. Es hätte perfekt sein können, wenn..., ja, wenn die Orgel in Schuss gewesen wäre! Doch eine Stunde vor Beginn, eine erste Besucherin hatte sich bereits einen der akustisch besten Plätze gesichert, da jagte Matthias Eisenberg den Veranstaltern einen gehörigen Schrecken ein, als er feststellte: „Die Orgel ist kaputt." Dass Eisenberg gern mäkelt, mit keinem Instrument hundertprozentig zufrieden ist, das ist bekannt und sein gutes Recht. Er kann den Instrumenten das Äußerste entlocken, und erwartet intakte Arbeitsgeräte.
Doch in der Aula war es kein Mäkeln. Die zweimanualige Kreutzbach-Orgel war, auch für den Laien deutlich erkennbar, nicht spielbereit. Mehrere Tasten sprachen nicht an, darunter das eingestrichene „A" und „H". Ohnehin ist es eine Eigenheit pneumatischer Orgeln, sehr verzögert zu erklingen - doch die extrem mangelnde Ansprache des Pedals schien jedes virtuose Spiel von vornherein auszuschließen.
Eisenberg versuchte zu retten, was zu retten war, rief einen Orgelbauer aus Bernsdorf herbei, der auch tatsächlich eine Viertelstunde vor Konzertbeginn im Orgelinneren verschwand. Doch die Missstände waren zu groß, um in der Kürze der Zeit behoben zu werden. Mangelnde Pflege und die Heizungsluft haben Schäden verursacht, die einer mehrtägigen Reparatur bedürfen. Zudem funktioniert Pneumatik nur, wenn sie ständig in Gebrauch ist. Eisenberg: „So ein Instrument muss immer gespielt werden, und wenn wenigstens jeden Tag einmal jemand über alle Tasten geht." Als mit nur fünfminütiger Verspätung das Konzert dennoch begann, wies Eisenberg die Gäste auf die Mängel hin und bekundete, wenn es gar nicht mehr anzuhören sei, solle man ihm „auf die Schulter klopfen".
Dann zog er das Programm exakt so durch, wie angekündigt. Mendelssohn-Bartholdy und Brahms waren einen Hauch geruhsamer zu hören, als man es bei Eisenberg gewöhnt ist. Doch der Virtuosität des Organisten tat das keinen Abbruch. Fast schienen die Stücke dadurch noch intensiver, noch eindringlicher zu werden. Freilich ist auch durch Eisenberg nicht gänzlich zu überspielen, dass einige Töne einfach nicht da sind. Eine unglaubliche Meisterleistung insofern, dass er die Sechs Fugen über B-A-C-H, Opus 6o, von Robert Schumann, programmgemäß und, abgesehen von den nicht zu übertünchenden Fehlern der Orgel, bravourös spielte. Den tosenden Applaus kommentierte Eisenberg mit der Abbitte: „Danke, dass Sie die Macken der Orgel ertragen haben." Und er bekundete, dass es eigentlich ein sehr schönes Instrument ist. Das Publikum schien eher sagen zu wollen: »Danke, dass Sie die Strapaze auf sich genommen haben, die Macken des Instruments so meisterhaft zu überspielen." Bei der abschließenden Improvisation zu „Der Winter ist vergangen" zeigte Eisenberg dann noch einmal sein ganzes Können. In berauschender Manier ließ er das Thema aufbrausen, wogen und perlen nach allen Regeln der Improvisationskunst. Und er hat dabei jenen Vorteil voll genutzt, den die Komponisten der vorherigen Stücke nicht hatten: Er hat die Mängel des Instruments bei der Durchführung des Themas so brillant berücksichtigt, dass die Orgel klang, als sei sie im allerbesten Zustand
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